In den letzten Wochen hat sich in Hertens „Sozialen Netzen“ vieles um Schalke und Co gedreht.

Hier spielt(e) auch unser Bürgermeister sein Spiel. Kommentare, Einladungen etc. füllten seine Beiträge im sozialen Netz. Dass sich die „Stadtobersten“ sich „Spiele“ bedienten ist nicht neu.
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In diesem Zusammenhang recherchierte ich mal im Netz und fand den folgenden interessanten Artikel, hier in Auszügen,
den gesamten Text im Origiunal habe ich hier verlinkt

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Brot und Spiele

Das Prinzip „Brot und Spiele“ diente in der römischen Kaiserzeit zum Machterhalt. Da dieses Prinzip – wenn auch unter veränderten Vorzeichen – noch heute hochaktuell ist, wird es im Folgenden etwas ausführlicher für Rom vorgestellt und Parallelen zur heutigen Zeit gezogen: von Brot und Spiele zu Fernsehen und Eventgesellschaft. ……

Panem et circenses

Brot und Spiele: Damit bezeichnete der Satiriker Juvenal (um 60 bis um 130 n. Chr.) die Politik der römischen Kaiser gegenüber ihren Untertanen. „Für diese zweifelhaften Geschenken so fügte er hinzu, hat das römische Volk sich die Macht abkaufen lassen, hat es auf seine Rechte als Souverän verzichtet“ (S. 2). Kaiser Trajan war der Meinung, „dass das römische Volk insbesondere durch zwei Dinge, Getreide und Schauspiele, sich in Bann halten lasse“ (Wikipedia).
Es gab kostenlose Getreideverteilungen für rund 200.000 Bewohner Roms; dazu Massenunterhaltungen: grausame Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen, Wagenrennen im Circus Maximus, Schaukämpfe von Berufsathleten, eine breite Palette von Theateraufführungen, Thermenbesuche – und die Verteilung von Brotgetreide.

Im folgenden Auszüge aus: Karl-Wilhelm Weeber, Panem et circenses. Massenunterhaltung als Politik im antiken Rom, Mainz 1999 (Seitenzahlen in Klammern)

Die Gladiatorenkämpfe

Der Historiker Livius beschrieb den Werdegang der numera, der Gladiatorenkämpfe, „wie sich die Sache von einem gesunden Anfang zu diesem selbst für mächtige Reiche kaum noch erträglichen Wahnsinn entwickelt hat“ (S. 10). Weeber stellt fest: „Tatsächlich haben viele Kaiser darin gewetteifert, ihre Vorgänger an Pracht, Ausstattung und Häufigkeit der Spiele zu übertrumpfen“ (S. 3).
Dazu kam die Massenpsychose des Publikums „Begierig sogen die Betrachter des grausamen Geschehens dieses aus Blutgier, Sadismus, Massenpsychose und pervertiertem Unterhaltungsbedürfnis gemischte Gift in sich auf“ (S. 6). –  „Je grausamer das Geschehen in der Arena war, umso erregender und befriedigender wirkte es auf den Durchschnittsrömer“ (S. 7).
Die Gladiatorenkämpfe wurden zur Regel – das Volk erwartete sie von den Herrschern. Brot und Spiele wurden zur Regel. „Kein römischer Kaiser – Ausnahme allein Tiberius – „wollte es sich mit der hauptstädtischen Plebs verderben“ (S. 15).

Im Gefolge der Spiele wurden regelrechte Zulieferer nötig: „Und so waren im Lauf der Zeit regelrechte Spezialunternehmen entstanden, die alles für die Spiele Notwendige lieferten – gegen ordentliche Bezahlung selbstverständlich“ (S. 48).

Auch schon präsent: das Wettfieber, „die Krankheit des Circuspublikums“ (S. 53). Bei den Gladiatorenkämpfen schloss das Publikum Wetten über den Ausgang der kommenden Kämpfe ab (S. 7).

Auch schon präsent: der Profisport: „Kein Wunder, dass Wagenrennen im kaiserzeitlichen Rom ein reiner Profisport war, in dem Amateure nichts auszurichten vermochten“ (S. 55). Schon im 6. Jahrhundert traten „Männer hervor, die nichts anderes mehr betrieben als Sport“ (S. 71)…………

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Peter Sloterdijk schrieb dazu: „Das römische Brot- und Spiele-System war ja nicht weniger gewesen als die erste Ausgestaltung dessen, was man seit dem 20. Jahrhundert als ‚Massenkultur’ bezeichnet. Es symbolisierte die Wende von der gravitätischen Senatorenrepublik zum postrepublikanischen Theaterstaat mit einem kaiserlichen Mimen im Zentrum“ (Sloterdijk 8.11.2010). Nach Sloterdijk gelang dieses „Entpolitisierungskunststück“, weil „halbwegs brauchbare Ersatzangebote“ angeboten wurden: „Den Caesaren gelang es noch scheinbar spielend, Bürgerausschaltung und Bürgerbefriedigung miteinander zu verbinden” (Ebenda).

Von Panem et Circenses zu Fernsehen und Events

Die „Entpolitisierungsfunktion“ hat am Anfang des 21. Jahrhunderts, also zwei Jahrtausende später zu einem guten Teil der internationale Sportsektor übernommen: Dies dient nach wie vor der Entpolitisierung.
Der kritische Sportjournalist Thomas Kistner verwies auf den Ablenkungscharakter von Brot und Spiele: „Was passierte beispielsweise im deutschen Märchensommer 2006 während der Fußball-WM? Die Mehrwertsteuer im Lande wurde von 16 auf 19 Prozent erhöht. Um drei Prozent! Na und? Hat niemanden wirklich interessiert in einem delirierenden Land. Ein großer Teil war ja wochenlang völlig verzückt Fußball gucken auf den Fan-Meilen. Eine Nation im Poldi&Schweini-Rausch mit schwarzrotgolden bemalten Gesichtern“ (Kistner 26.4.2012).
Kistner kommt zu dem Schluss: „Jedenfalls ist eine Fußball-WM aus politischer Sicht eine Propaganda-Veranstaltung. Brot und Spiele, nichts anderes, und wehe dem Politiker, der sich öffentlich gegen eine solche Veranstaltung stellen würde. Der kann seinen Wahlkreis gleich abgeben“ (Ebenda). Kistner empfiehlt daher, “sich einmal die gnadenlosen Polit- und Wirtschaftsmechanismen hinter dieser wundervoll geschmierten Industrieshow mit den perfektionierten Leibern genauer anzusehen” (Ebenda).

Eishockey-Multimillionär

Der amerikanische NHL-Profi Shea Webber (27) erhielt im August 2012 für einen Kontrakt über 14 Jahre 110 Millionen Dollar (90,65 Millionen Euro). Mehr bekam bisher nur im Jahr 2008 der Russe Alexander Owetschkin mit 124 Millionen Dollar (Rekordvertrag, in SZ 26.7.2012).
Die Brot- und Spiele-Artisten sind den Machthabern doch einiges wert…

Public Viewing

Das Phänomen „Brot und Spiele“ wurde im eigentlichen Sinn wiederbelebt bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin, wo vom NS-Regime die Massen mobilisiert wurden. Aufgenommen wurde der Gedanke spätestens seit der Ägide des IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch und den Fifa-Präsidenten Joao Havelange und Sepp Blatter in den 70er und 80er Jahren. Aktuell zeigt sich der alte „Brot-und-Spiele“-Gedanke an der Fußball-Europameisterschaft 2012 und den Olympischen Sommerspielen 2012 in London.

Die Sport-Funktionäre (oder besser: Sport-Paten) der Uefa, der Fifa und des IOC lassen zu Anfang des 21. Jahrhunderts die Sport-Events global und ganzjährig von Januar bis Dezember ablaufen. Dazu gehören konkrete Groß-Sportevents wie Olympische Spiele und Fußball-Welt- und Europameisterschaften. Um die Massen noch umfassender zu erreichen, wurden neue Formen der Teilnahme eingeführt. Brot und Spiele heute sind u. a.: gemeinsames Fernsehen, Public Viewing, Fan-Meile.

Der Begriff Public Viewing wurde bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland eingeführt: Deren Organisationskomitee sowie der Sportrechtevermarkter Infront (dessen Chef ist Philippe Blatter, der Neffe des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter) beantragten bei der Fifa die Erlaubnis dazu. Überflüssig zu erwähnen, dass die internationalen Sportverbände von den Veranstaltern auch hier kräftig abkassieren.

Der Begriff aus dem Englischen bedeutet u. a. „öffentliche Totenschau“ und ist im Sport auch als „Rudelschauen“ bekannt, wobei die Rudel der Sportfans bis zu einer Million groß sein können. Public Viewing kann nach Auskunft des Psychologen Steffen Fliegel Suchtcharakter haben: „Je intensiver eine Person Glücksgefühle beim Public Viewing erlebt, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese Person wieder daran teilnehmen wird“ (SZ 12.6.2012).

Zum Public Viewing gehören auch die Fan-Meilen: Tausende von Fans stehen vor Großbildleinwänden. Auf der größten, der Berliner Fanmeile an der Straße des 17. Juni, konnten sich bei der WM 2006 bis zu 900.000 Menschen versammeln. Bei der Fußball-EM 2012 kamen in Berlin zum Spiel Deutschland-Niederlande 400.000 Fans. Auch der Name der Berliner Fanmeile wurde verkauft: „Der Autohersteller Hyundai taufte etwa die Fanmeile vor dem Brandenburger Tor, wo sich bis zu 500.000 Zuschauer versammeln, auf seinen Namen“ (Buschmann, Dörting 30.6.2012).
Bei der EM 2012 entrollten im Juni 2012 in der Kölner Lanxess-Arena Neonazis die Reichskriegsflagge. “Beim Erklingen der Nationalhymne reckten die Kahlrasierten dann auch ihren rechten Arm in die Höhe” (Jüttner, Steinecke 22.6.2012). Beim Sieg der deutschen Mannschaft gegen Portugal skandierten beim Public Viewing im Münchner Hirschgarten zehn Rechtsradikale „Wir bauen eine U-Bahn von der Türkei nach Auschwitz“ (SZ 11.6.2012).
Der Sportsoziologe Gunter A. Pilz konstatierte ein Ausweichen der rechtsradikalen Fans vom Stadion zum Pubic Viewing: “Parallel können sie das Massenereignis nutzen und ihre nationalsozialistischen Neigungen als gesunden Patriotismus verkaufen, indem sie vorgeben,  ja bloß für ‘ihre’ Mannschaft zu sein” (Ebenda).
Eigentlich ist die Fan-Meile ein Plagiat des Reichssportfeldes, Berlin 1936 (Link).

Das Sport-Lemming-Syndrom

Die Intentionen und das Geschäft der Sport-Paten gingen auch bei der Fußball-EM 2012 auf. Ungeachtet der dubiosen Uefa-Präsidentenwahl (von Michel Platini, des Zöglings von Sepp Blatter, vgl. Kistner 2012, S. 201ff), der zwielichtigen Vergabemodalitäten der EM an Polen/Ukraine (kein offizielles Thema) und der politischen Verhältnisse in der Ukraine (kein Thema mehr), erfreuen sich die Fußballspiele einer irrwitzigen Akzeptanz.

Über 22 Millionen Zuschauer in Deutschland (Marktanteil 69,3 Prozent) beim Spiel sahen das Spiel Deutschland-Portugal; über 27 Millionen Zuschauer (74,9 Prozent Marktanteil) das Spiel Deutschland-Niederlande, über 27 Millionen Zuschauer das Spiel Deutschland – Dänemark (jeweils noch ohne die Public-Viewing-Fans; focus.de 10.6.2012; spiegelonline 154.6.2012; 27,65 Millionen, in SZ 19.6.2012). Das sind Zustimmungsraten, wie man sie sonst nur aus totalitären Systemen kennt Und wer als Gastronom keine Fernseher aufstellte (und entsprechend Gebühren abzuführen musste), hatte ein leeres Lokal. Der Zwang zur Sport-Konformität wird allumfassend.

Brot, Spiele und Events

Der Abschied von der Eventgesellschaft funktioniert nicht mehr: Die Mechanismus stehen auf Dauerparty. Wo die Umwelt, die Ökonomie und das soziale Gefüge bleiben, ist egal und wird verdrängt. Je offensichtlicher der Zusammenbruch der ökologische, ökonomischen und sozialen Systeme wird, umso stärker wird die Weltherrschaft des Sports: dazu gehören die Olympischen Spiele und die Dominanz der großen nationalen und internationalen Sportverbände. Brot und Spiele eben. Auch heutige Völker wünschen Brot und Spiele: Und heutige Herrscher liefern sie. Weltweit. Über Printmedien, Fernsehen und Internet. Der irrwitzige offizielle Verdummungsapparat ist gewaltig. Die Eventgesellschaft wird diesen Planeten bis zum bitteren Ende dominieren.
Die deutschen öffentlich-rechtlichen Sportsender ARD und ZDF zahlen jährlich Hunderte Millionen Euro an den Sport aus dem Zwangsmitgliedsbeitrag. Und warum? Damit die Bevölkerung den Matadoren zuschaut: zum Beispiel in Sotschi 2014 bei den Putin-Spielen, bei Skifahren und Bobfahren, bei Biathlon und Skispringen. 240 Stunden übertragen die beiden öffentlich-rechtlichen Sportsender. Und damit die Bürger nicht aufmüpfig werden oder kritisch oder ihre Interessen vertreten: sondern schlicht ruhig gestellt werden. Von Doping, Korruption und Schiebung ist sowieso keine Rede mehr.
Sport und Spiele – zwischen Lotto und Bundesliga, zwischen Deutschland sucht den Superstar und Eurovision Song Contest, zwischen Dieter Bohlen und Stefan Raab: Hauptsache, nicht nachdenken. IOC, Fifa, Uefa, DOSB fördern „Brot und Spiele“ bis zum Untergang. Aber sie sind nur ein Kopf der Hydra: der Hydra des Kapitals und der Oligarchen, des Zynismus und des Todesdrangs.

Fazit: Brot oder Spiele

– Die Wettkämpfe der Länder gegeneinander gewinnen zunehmend an Bedeutung und wecken Nationalgefühle , Animositäten und Aggressionen: also das genaue Gegenteil von dem, was der internationale Sport verspricht, nämlich Völkerverständigung, Frieden, Freundschaft.
– Die Fans sind in den jeweiligen Nationalfarben bemalt und wissen noch nicht, dass sie und ihre Nachkommen die nächsten Jahrzehnte dieses Sportevent abbezahlen müssen.
– Aus Fußball-Fans werden oft übergangslos gewaltbereite Hooligans, siehe russische und polnische Hooligans bei der EM 2012 (SZ 15.6.2012).
– Die Sport-Paten haben eine sich selbst feiernde, dekadente Event-Gesellschaft geschaffen, in der die drängenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Probleme verdrängt werden.
– Die feudale Oberschicht lässt es in VIP-Logen krachen. Die unteren Schichten werden mit bunten Fernsehbildern abgespeist und sind augenscheinlich damit zufrieden.
– Bald wird es heißen: Brot oder Spiele. Die Fußball-Europameisterschaft 2012 kostete Polen 22 Milliarden Euro, die Ukraine 11 Milliarden Euro (Ashelm 9.6.2012). Die Olympischen Sommerspiele 2012 in London werden mindestens 24 Milliarden Pfund kosten (Hervey, Chennaoui 28.1.2012; Oliver 27.1.2012).
– Der Film The Hunger Games lässt grüßen…

Joachim Jürgens Dez. 2017

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