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In der Folge werden ich an konkreten Beispielen der Vergangenheit aufzeigen, wie in Herten im Einzelnen die parteipolitischen Einflussnahmen die kommunale Politik beeinflusste - zum Wohle oder nicht - das mag jeder Leser für sich selbst entscheiden.

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Hertens Kommunalpolitik

Teil 2 - Kommunalpolitik aus der Kaue

Der politische Einfluss der
Kohle-Lobbyisten

auf Entscheidungen im Hertener Rat

 

1872 - Der Bergbau hält Einzug

Bis etwa 1870 hatte das Stadtgebiet ein dörflich-ländliches Gepräge. Der Einzug des Steinkohlenbergbaus im Jahre 1872 löste eine rasante Entwicklung aus und die Bevölkerungszahl stieg sprunghaft an. Es entstanden zahlreiche Bergarbeitersiedlungen verschiedener Stilrichtungen und Epochen. Noch heute ist die um 1910 erbaute Gartensiedlung in Bertlich in ihrer Struktur erhalten.

Mit dem ersten Spatenstich zum Schacht I der Zechenanlage Schlägel & Eisen am 01. Juni 1874 begann für Disteln eine stetige Entwicklung von der Agrar- zur Industrielandschaft. Nach Abteufen des zweiten Schachtes im Jahre 1890 setzte ein gewaltiger wirtschaftlicher Aufschwung des Bergbaus ein, so dass in Langenbochum, Scherlebeck und Herten-Süd weitere Schächte angelegt wurden.

Die ersten Zechenarbeiter kamen aus Herten und der näheren Umgebung. Mit dem gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung des Bergbaus Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts reichte das Arbeitskräfteangebot der Umgebung nicht mehr aus. Es wurden gezielt Arbeitskräfte angeworben. Sie kamen hauptsächlich aus den deutschen Ostgebieten. Aber auch viele Ausländer, vor allem Polen, Tschechen und Slowenen sind nach Herten eingewandert. Die Einwohnerzahl stieg bis 1926 weit über das dreißigfache.

Lange Zeit war Herten, gemessen an der Fördermenge, die größte Bergbaustadt Europas (zeitweise 36.000t Kohleförderung/Tag). Herten beheimatete drei Bergwerke. Das Bergwerk Schlägel und Eisen im Norden, das Bergwerk Ewald im Süden sowie nach der Eingemeindung von Westerholt das Bergwerk Westerholt. Der Abraum, der bei der Kohleförderung anfiel, wurde im Hertener Süden nahe der

Zeche Ewald aufgeschüttet. So entstanden die Bergehalden Hoppenbruch, Emcherbruch und geschlossen.

Ende 2008 wurde das letzte verbliebene Bergwerk auf Hertener Stadtgebiet, das Bergwerk Lippe, welches 1998 aus der Zeche Fürst Leopold in Dorsten und der Zeche Westerholt entstand, geschlossen Eine tabellarische Dokumentation und zahlreiche Bilder befinden sich auf der Seite von Ingo Bornemann

Die verhängnisvolle Monokultur, die den Kohlenpott Jahrzehnte beherrschte, war hausgemacht. krakenhaft bemächtigte sich die Montanunion mit ihrer willigen Gewerkschaft die hiesigen Rathäuser. Gezielt wurden Betriebsräte über die SPD in die Rathäuser installiert. Die Ansiedlung anderer Industriezweige wurden sogar blockiert, weil sich die Kohle ihren Einfluss auf Politik und Arbeiter nicht durch andere schmälern lassen wollte. Als Ford, um 1960, ein neues Zweigwerk in Herten errichten wollte, schlossen sich Montanfirmen zusammen und kauften den Autobauern das Grundstück (heute das Haldenbauwerk Hoheward) vor der Nase weg. Anfang der 60er-Jahre wollte auch Opel ein Werk im Ruhrgebiet bauen - in Gelsenkirchen. Die Stadt lehnte das Angebot aber ab, weil die Arbeitskräfte dem Bergbau zur Verfügung stehen sollten.

Seit fast 50 Jahren wird in Deutschland der unwirtschaftliche Steinkohlenbergbau zu Lasten der Steuerzahler betrieben. Eine verhängnisvolle Allianz von Politik, Gewerkschaften und Unternehmensbossen vernichtet Milliarden - und bringt somit tausende Menschen in Gefahr. Nach uns die Sintflut titelt der Spiegel in einen Bericht die Situation des Bergbaus und deren Subventionspolitik.

Am deutlichsten wird der Einfluss des Bergbaus durch den Einsatz des IGB- und SPD-Mitglied Willi Wessel. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine Ausbildung als Berglehrling und war bis 1957 Bergknappe. Nach Ablegung der Hauerprüfung (entspricht der Gesellenprüfung in anderen Berufen) war er bis 1970 als Hauer beschäftigt. Anschließend war er Betriebsdirektor, Arbeitsdirektor und Geschäftsführer bei verschiedenen bergbaunahen Firmen.

Mitglied der SPD ist Wessel seit 1955. Er ist in zahlreichen Parteigremien aktiv, so z.B. als Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes Herten. Seit 1952 ist er Mitglied der IG Bergbau und Energie. Vom 29. Mai 1980 bis zum 30. Mai 1990 war Wessel Mitglied des Landtags des Landes Nordrhein-Westfalen. Er wurde jeweils im Wahlkreis 081 Recklinghausen I direkt gewählt. Dem Stadtrat der Stadt Herten gehörte er von 1964 bis 1991 und von 2004 bis 2006 an und war von 1975 bis 1991 Bürgermeister. Von 1969 bis 1980 war Wessel Mitglied des Kreistages des Kreises Recklinghausen....

Der kometenhafte berufliche Aufstieg Wessels ist auch dem Dank seiner bergbaufreundlichen kommunalpolitischen Leistung geschuldet. Sein Meisterwerk legte er letztendlich mit der Akquirierung der weltweit größten Haldenlandschaft im Hertener Süden hin (Passwort "halde". „Wir sind dem Bergbau verpflichtet", sein Motto. Aufgrund massiven Widerstands in Politik und Bevölkerung entstand letztendlich das Landschaft-Bauwerk „Landschaftspark Hoheward". Auf einer Fläche von ca. 220 ha, zwischen dem Fluss Emscher und der Autobahn A2 über die Stadtgrenze von Herten und Recklinghausen, in dessen Bereich Ford Interesse zeigte, (s. verhinderte Ford-Ansiedlung im Beitrag oben) dominiert diese imposante Landmarke

Gregor Spohr schrieb im Zusammenhang mit den heftig geführten Diskussionen in einem Kommentar - Zitat/".. Einwohnerversammlung - - Thema Bergehalden. Die demokratische Feigenblatt-Übung für ein Projekt. das rechtlich noch keine, faktisch schon längst Zustimmung gefunden hat, ist durchgestanden. Nach mehr als vier Stunden Hin- und Her-Redens ist der Vorhang bei diesem Kasperletheater gefallen. Dem Gesetz ist Genüge getan. Wer eine bessere Inszenierung erwartet hatte, hat das Spielchen noch nicht richtig erkannt..."Zitatende

Heute wird die ehemalige Halde als Landschaftsbauwerk schöngeredet. Ohne den massiven Widerstand der damaligen BI-Halde[ wäre dort ein Tafelberg entstanden (größtmögliche Menge auf kleinstem Areal s. Halde Scholven in unmittelbarer Nähe) Eine umfangreiche Dokumentation dazu ist in unserem Archiv zu finden.

In der H.A. vom 01.04.81

Parteienstreit bei Bürgeriterativen -Versammlung
SPD kam kurz vor Sitzungsende i Bürger fühlen sich verschaukelt
Ahmann: „Kritische SPD-Stimmen auf Parteikurs gebracht“!

Referate zum Thema

Herten (rkl) Die Bürgerinitiative „Halde“ sucht erklärendermaßen das Gespräch mit dem Normalbürger auf der einen und den Politikern auf der anderen Seite. Daß der eine Begriff den anderen keinesfalls „automatisch" umschließt (wie Heinz Muhs für die CDU betonte), machten die BI-Aktiven im Rahmen ihres großen Diskussionsabends zum Thema Halde deutlich. Sprecher der noch jungen Initiative erklärten mehr als einmal, man fühle sich von den hiesigen Rats-Verantwortlichen derart „verschaukelt“ und in die Irre geführt, dass von bürgernahen Entscheidungen kaum noch dir Rede sein könnte - ein Vorwurf, mit dem in besonderem Maße die SPD gemeint war. Zweieinhalb Stunden lang blieben Ihre Vertreter der Versammlung fern - und klammerten sich so vom Gespräch mit den Betroffenen bewusst aus, wie Bl-Sprecher kommentierten. Gegen 21.30 Uhr betrat Paul Hasch als erster sozialdemokratischer Ratsherr den Saal. Bis zu diesem Zeitpunkt lieferten sich anwesende FDP und CDU-Vertreter derart ausgedehnte Wortgefechte, dass mehrere Wortmeldungen forderten, man möge doch auf Anfragen an die anwesenden Politiker verzichten, um ihnen nicht so den Vorwand zu immer neuen Profilierungs-Manövern zu liefern.

 Aufgrund der immensen Folgekosten des Bergbaus in unserer Region, unserer Stadt und den be­grenzten finanziellen Möglichkeiten des Verursachers, müssen wir Bürger es offensichtlich weiter­hinnehmen, durch sogenannte indirekte Subventionen via Steuer und Gebühren (Renaturierung Em­scher, Berschadensbeseitigung, etc.)

Der Bergbaustiftung, die eigens für die Spätfolgekosten gegründet wurde, fehlen derzeit ca. 1,3 Milliarden €. Die Lobbyisten in der Politik werden es schon hinbekommen, durch Umlage der Kosten auf den Bürger (Grundbesitzabgaben und Steuern..) , hier einen Ausgleich zu schaffen.

 JJ, Herten den 15.09.2016

Die nächste Folge dieser Serie beschäftigt sich mit dem
Thema: „Hertens kommunale Verwaltung, Organ der SPD"?

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